Erfolgreich auf den Schweinehund gekommen

Wenn man sich umhört, sind sich alle einig, wie der Umgang mit dem inneren Schweinehund auszusehen hat. Man muss ihn bekämpfen, bezwingen, niederringen oder zumindest an die Leine legen. Diese ablehnende Haltung gegen einen inneren Anteil, der sich in jeder Persönlichkeit finden lässt, hat mich stutzig gemacht und erinnert mich an die Zeiten der „Schwarzen Pädagogik“, der Erziehungsweise, die auf die Dressur und den unreflektierten Gehorsam von Menschen setzte.

Schon das Googeln brachte mir einen ersten erhellenden Impuls. Die Ansicht, dass man den inneren Schweinehund überwinden müsse, kommt aus einer der dunkelsten Zeiten unserer Geschichte. Im dritten Reich wurden Menschen zu Gräueltaten mit der Begründung angestachelt, sie müssten ihren Schweinhund überwinden und damit ihre Pflicht für Volk und Vaterland tun. Dabei war der Schweinehund seit hunderten von Jahren ein treuer Begleiter und Hütehund der Schweinehirten gewesen und somit alles, nur kein fauler Hund, dem es an Disziplin, die zudem auch noch destruktiv eingesetzt werden sollte, mangelte.

Ich kann nur für ein gutes Verhältnis zwischen Dir und Deinem Schweinhund plädieren. Und ich will Dir auch sagen, warum. Disziplin ist sinnvoll und nötig, aber nur in gewissem Maße, denn man weiß, mit Lust und Leidenschaft wird viel mehr geschafft als durch inneren oder gar äußeren Zwang. Jeder Mensch braucht Ruhepausen, um die Seele baumeln zu lassen. Und auch das menschliche Nervensystem braucht die Balance von Sympathikus und Parasympathikus – Aktion und Ruhe, um langfristig gesund zu bleiben.

Wie es aber mal so ist, muss jeder selber den goldenen Mittelweg zum Glück finden, damit der innere Schweinehund nicht blind wütet. Hatte ich ihn bislang, wie es so die Regel ist, an das Gängelband genommen, niedergerungen und bekämpft, drehte er im Laufe seiner Knechtschaft den Spieß um und er fing an mich zu erziehen, glücklicherweise. Denn, wollte ich meine langen to-do-Listen für den Tag abarbeiten, überkam mich spätestens nach kurzer Zeit eine unüberwindbare Müdigkeit. Wollte ich meine festen Zeit- und Stundenpläne genauso militärisch durchziehen, wie beabsichtigt, überrollte mich eine Unlust, gegen die ich mich nicht wehren konnte, was mich besonders peinlich berührte. Sowas passiert doch nur den anderen, aber nicht mir. Ich ahnte allerdings, dass nur Exzesse sich mit Exzessen rächen und beschloss, einen neuen Weg zu gehen, nämlich den zum gelungenen Teamwork.

Der innere Schweinehund ist kein Kurzschluss der Natur, sondern ein Korrektiv, um die eigene gesunde Balance zu finden. Denn, es ist doch völlig widersinnig, dass man sich durch ungezügelte Disziplin selber schaden muss, wenn man mit einem – den eigenen Kräften angepassten – Gleichgewicht von Tun und Lassen viel mehr erreicht.  Viele Wege führen zum Ziel und weil die eigenen Stärken und Vorlieben dabei helfen, mit relativ wenig Aufwand mehr zu erreichen, als wenn man mit seinen Schwächen erschöpfend herumlaboriert, entschloss ich mich, mit inneren Bildern und inneren Dialogen zu experimentieren, weil mir das liegt.

Zuerst suchte ich mir ein Bild, das zu diesem cleveren Gesellen passt und fand es in der Werbefigur des Schweinehunds von Yellow, dem Stromanbieter. Das passte sehr gut, weil der Kerl eine enorme Energie hat und zudem sehr attraktiv ist (Augenzwinker (-;). Ich musste immer herzlich lachen, wenn ich diese Werbeclips gesehen habe. Vor allem gefiel mir die Idee, dass ich nicht alleine, sondern zusammen mit meinem Genossen auf dem Sofa herum lümmeln und fiktive humorvolle Gespräche führen würde. Die Vorstellungskraft ist groß und so bekam er den Name Alf, wie der ebenso originelle Charakterdarsteller, den die meisten aus dem Fernsehen kennen.

Psychologisch ist das die Vorgehensweise der Arbeit mit den inneren Anteilen und sie eignet sich hervorragend, um Ziele zu formulieren und zu neuen Lösungen und Handlungsalternativen zu finden, wenn man sich weiter entwickeln möchte. Das Weiterentwickeln braucht jedoch Geduld, Zeit und letztlich wieder ein Stück harte Arbeit. Ich hatte mir ein Entwicklungsfeld gesucht, das super zum Schweinehund passt: einige Male pro Woche ins Fitness-Studio gehen. Die ersten Monate wuchs sich der Plan zu einer endlosen inneren Diskussion aus, die mir zeigte, wie recht die Buddhisten mit der Ansicht haben, dass der Geist ein wilder Affe ist. Meinen Argumenten zum „Für“ von Bewegung kamen mindestens genauso viele „Gegen“ hinzu und die ersten Monate scheiterte ich zu 75% daran, den gefassten Vorsatz auch zu erfüllen. Das war niederschmetternd. Dennoch war ich fest davon überzeugt, dass konsequentes Dranbleiben irgendwann zur Synthese der Gegensätze führen würde und dass aus dem Bleibenlassen ein natürlicher Impuls entsteht, der keinen Zwang benötigt. Nach sage und schreibe 2 Jahren hatte ich mit meinem Schweinehund so viele Dialoge geführt, dass so etwas wie innere Einsicht entstanden war. Mein aktives Alltagsbewusstsein war mittlerweile von Alf so besänftigt, dass ich keine militärischen Anweisungen mehr formulierte, um ihm Beine zu machen und er aufhörte mich an meinen kleinen Schwächen zu packen, wo ich sofort weich werde und alle Vorsätze begeistert in den Wind schieße.

Alf ging sogar noch einen Schritt weiter. Er stellte mir seinen Kumpel, den „Sauhund“, vor, der einen ebenso schlechten Ruf hat, nur eben als hinterhältiger Kerl. Dabei macht er seit mindestens genauso langer Zeit wie der innere Schweinehund einen guten Job als Jäger. Und was ist genauso wichtig, wie gut für sich durch die richtige Balance zu sorgen?  Genau, man muss auch in der Lage sein, die wirklich gefährlichen Borstenzweibeiner, die einem die Selbstsorge durchkreuzen wollen, am Kragen zu packen und aus dem eigenen Paradiesgärtlein zu werfen. Aber das ist wieder eine andere Geschichte. Sei schlau, werde Freund Deines inneren Schweinehunds und seiner nützlichen Kumpane!

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