Varietätenkabinett

Persönlichkeitstypologie geht bis auf Hippokrates zurück und wird im Arbeitsleben häufig bei der Personalauswahl und -führung angewandt. Deshalb gut zu wissen, was es generell für Einordnungsmuster gibt.

Die bekannteste Charakterlehre stammt aus frühester abendländischer Vergangenheit, gilt heute als überholt und findet sich teils in der Anthroposophie wieder. Sie bezieht sich auf die Körpersäfte des Menschen – Blut, Schleim und Galle, aus denen sich vier Typen ableiten lassen: der Sanguiniker – heiter und lebhaft, der Phlegmatiker – zuverlässig und diplomatisch, der Melancholiker – kritisch und nachdenklich und der Choleriker – willensstark und entschlossen.

Ebenso verbreitet und doch nostalgisch ist die Einordnung von Körpertypen, die sich mit den bereits erwähnten ergänzen lassen: Pykniker – rundlich, Athletiker – sportlich, Leptosom – hager und Dysplastiker – asymmetrisch. Ähnliches findet sich in der Physiognomielehre. Alternativ-ganzheitliche Deutungsfelder werden heute mit diesen Gedanken bespielt und beschäftigen sich mit der Gesundheit von Körper und Geist. Eine Vielzahl von populären Ideen kommt hier zum Einsatz, die jedem bekannt sind, wie z.B. Astrologie, Enneagramm, exotische Heilmethoden und vieles mehr.

Weitaus unbekannter ist das Modell C.G. Jungs, das von Myers-Briggs variiert wurde und in Unternehmen als Persönlichkeitstest zum Einsatz kommt. In- und Extraversion in Bezug auf Denken/Fühlen, Sensorik/Intuition führen zu einem Persönlichkeitsbild, das Aussagen über das Verhalten ermöglichen soll.
Auch DISG von Marston wird in Testverfahren eingesetzt und ermittelt Werte bezüglich Dominanz, Ehrgeiz, Unterordnung und Gehorsam.
Geläufiger als die schon erwähnten sind sicherlich die Big Five: Extraversion, Offenheit für Erfahrungen, Gewissenhaftigkeit, Verträglichkeit und Neurotizismus als Rahmenfaktoren der Persönlichkeit.
Oder – die Lüscher-Farbtypen: rot, blau, grün – der Macher, der Denker und der Soziale.

Auffällig ist die jeweils eindimensionale Bewertungsoption, die sich daraus ergeben kann, je nachdem, wie der Interpret des Tests veranlagt ist. Interessant in diesem Zusammenhang ist, dass die Boomzeit des Neurolinguistischen Programmierens mit dieser Phase von Persönlichkeitsexpedition einher ging – in der festen Annahme, dass sich psychische Abläufe durch die angemessene Wahl von methodischen Instrumenten im günstigsten Falle steuern lassen.

Häufig wurden die Gehirnforschung und der Verweis auf ausgedehnte Fallstudien als Beweis der allgemeinen Gültigkeit dieser Typisierungen ins Feld geführt. Und lange galten diese Konzepte als unumstößlich, was sich mit zunehmender Liberalisierung der Gesellschaft und Auflösung von festen Rollenmustern relativierte.

Neue gesellschaftliche Freiheiten, die Dynamisierung der Märkte und facettenreichere Selbstbilder brachten eine flexiblere und kreativere Ausprägung von Persönlichkeitstests mit sich. Konzepte werden als solche gesehen und neuerdings mit Theorien zu ressourcenorientierter Persönlichkeitsgestaltung in Form von Talenten kombiniert. Last und Möglichkeit zugleich.

Die Chance, die sich bietet, ist das Verblassen eindimensionaler Selbstklischees und die Erweiterung eigener Handlungsspielräume. Mehr Farbe, mehr Schattierungen. Die spannende Frage was Persönlichkeit und Authentizität eigentlich sind öffnet sich. Die Freiheit zu mehr Selbstbestimmung wächst weiter. Der Verlust der Freiheit von Selbstverantwortlichkeit kann anstrengend sein und als Druck empfunden werden, der eine Entscheidung fordert.

So denn: Don’t be a may-be; be various, be hilarious.

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